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Meine Vorfahrenfamilie Schragmüller -
ein kurpfälzisches Beamtengeschlecht


Mein Ahnenvater (11x Ur-Großvater) der gräflich hohenloheneuensteinische Amtmann zu Öhringen, Georg Schuler, ehelichte am 10.05.1629 die aus Lohrbach stammende Rosina Catharina Schragmüller. Hinter diesem Namen - Schragmüller - versteckt sich eine historisch interessante Familie.

Rosina Catharina Schragmüller wurde am 11.04.1610 in Lohrbach als Tochter des Kellers und Burgvogts zu Lohrbach, Johann Schragmüller, und dessen Ehefrau Klara Rüd geboren. Johann Schragmüller, mein Ahnengroßvater (12x Ur-Großvater) erblickte 1572 wahrscheinlich in Waldmühlbach das Licht der Welt. Klara, die Tochter des Mosbacher Kaufmanns Philipp Rüd d.Ä., ehelichte er am 23.11.1596 in Mosbach. Bereits einige Monate vorher, am 01.04., trat er in kurpfälzische Dienste ein, indem er Keller zu Lohrbach (heute ein Stadtteil von Mosbach) wurde. Welche Ausbildung er vorher genoss, ist nicht überliefert. Dieses Amt war keineswegs eine unbedeutsame Tätigkeit. Lohrbach war Sitz der Kurfürstin-Witwe Amalia, geb. Gräfin von Neuenar, welche sich ab 1577 nach dem Tod ihres Mannes, Kurfürst Friedrich III., ins dortige Schloss zurück zog. Auf Grund dieser Tatsache verkehrten viele Prominente der damaligen Zeit am Witwenhof. Die Aufgaben Schragmüllers als Lohrbacher Amtskeller waren daher nicht gering. Als er sein Amt antrat, hatte er eine Kaution in Höhe von 2.000 Gulden zu leisten. Kurze Zeit darauf verließ die Kurfürstin-Witwe Amalie Lohrbach und starb nach verschiedenen Aufenthalten in Dessau, Amberg und letztendlich in ihren niederrheinischen Besitzungen im Jahre 1602. Ab diesem Zeitpunkt war Schragmüller allein für die Einkünfte und Liegenschaften des bisherigen Witwengutes, welches nun wieder an die Kurpfalz fiel, verantwortlich. Auch die Instandhaltung des Schlosses fiel in seinen Aufgabenbereich. Spätestens jetzt bewohnte er mit seiner Familie das Lohrbacher Schloß.

Johann Schragmüllers Aufgabe war es, die Abgaben- und Steuererhebungen zu überwachen und bestimmte Naturalien oder den Erlös aus deren Verkauf an die Heidelberger Küchenschreiberei bzw. an die Rechenkammer abzuliefern. Jährlich musste er über die Einnahmen und Ausgaben Bericht ablegen.

Kurfürst Friedrich IV. kam 1606 zur Hirschjagd nach Lohrbach und Schragmüller oblag die Aufgabe, für die Verköstigung und Bewirtung der Gäste Sorge zu tragen. Auf Grund seines guten Einkommens als Keller trat er oftmals als Geldverleiher in Erscheinung. Einige Urkunden, die diese Geschäfte bezeugen, sind heute noch erhalten. Insgesamt beläuft sich die Gesamtsumme des verliehenen Kapitals auf rund 1.000 Gulden. Die überlieferten Dokumente sind aus den Jahren 1611 - 1613. Acht von jenen sind am selben Tag, dem 11.11.1613, ausgestellt worden.

Johann Schragmüller setzte sich ein noch heute erhaltenes Denkmal, das sog. "Palmsche Haus" in Mosbach. Freilich konnte er dies durch sein Einkommen und vorhandenes Vermögen finanzieren. Seine Frau erbte im Jahre 1604 von ihrer 16 jährigen Base, Barbara Rüd, einen Nachlass in Höhe von 4.300 Gulden und fünf Jahre später etwa 1.000 Gulden von ihrer Mutter. Er lies es 1610 an exponierter Stelle, dem Mosbacher Marktplatz, errichten.

- Bild oben: Schloss Lohrbach -
- Bild mitte: Mosbacher Marktplatz mit Schragmüllerschem Haus (links), 1890 -
- Bild unten: "Palmsches Haus" heute -

Das "Palmsche Haus" wird heute als eines der schönsten Fachwerkhäuser Deutschlands bezeichnet. In den 1960er Jahren war ein großer Umbau des Hauses geplant, was im letzten Moment von der Denkmalbehörde nicht genehmigt wurde. Vorgesehen war, dass das Erdgeschoss mit von Stahlsäulen gestützten Arcaden und einer Schaufensterfront versehen werden sollte. Es ist heute als überaus erfreulich zu werten, dass dieses Zeugnis an handwerklicher Meisterkunst des frühen 17. Jahrhunderts nicht der Architektur der 60er Jahre des vegangenen 20. Jahrhunders zum Opfer fiel.

Als 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbrach, ahnte noch keiner, dass am 21.11.1621 ligistische Verbände unter dem bayerischen Obristen Graf von Anholt die Stadt Mosbach erreichen würden und damit auch das Elend Einzug halten würde. Etliche Pfarrer kamen in Gefangenschaft und wurden misshandelt. General Tilly persönlich kam im Februar 1622 nach Mosbach, um für kurze Zeit dort sein Hauptquartier einzurichten. Mit ihm kamen auch bayerische Beamte und katholische Geistliche in die Region. Die bisherigen Beamten, unter diesen auch Johann Schragmüller, mussten um ihre Anstellung bangen. Wann genau Schragmüller seines Amtes enthoben wurde, ist nicht bekannt. Spätestens 1624/25 war es aber soweit. Jetzt kamen die Kredite, die Schragmüller zu wirtschaftlich besseren Zeiten vergab, ins Spiel. Er versuchte vergebens, das von ihm verliehene Geld einzutreiben. Die Ratsprotokolle der entsprechenden Jahre geben genügend Aufschluss darüber. Schragmüllers Bemühungen trugen wenig Früchte.

Er begegnet uns Ende der 1620er Jahre als Keller zu Ehrenberg (Heinsheim). 1631 kamen die schwedischen Truppen in das untere Neckartal. Schragmüller bemühte sich eilends zurück nach Mosbach, wo er abermals sein verlorenes Amt antrat. In einem Brief vom 05.02.1632 bezeichnet er sich selbst als "Keller vndt Burgvogt zu Lohrbach". Dem Schreiben kann man entnehmen, "daß das Ampt Moßbach vndt dazu gehörige Kellereien, burgen vndt Vnderthanen" nun unter königlich schwedischem Schutz standen. Auch die evangelische Lehre war bereits wieder eingeführt.

Da der weitere Kriegsverlauf nicht nur einen erheblichen finanziellen Schaden für die Region mit sich brachte, sondern auch viele Menschenleben forderte, kam die Gemeinde Mosbach in Bedrängnis. Auf den Jahrmärkten erzielte sie wenig Erlös aus den Standgebühren und sogar die Ostermesse 1632 wurde "wegen eingefallenen Kriegswesens gar nit gehalten". Schragmüller wurde auf Grund dieser Situation zum Amtsverweser Mosbachs ernannt und stand somit als Verwaltungsfachmann an der Spitze des gesamten Oberamtes Mosbach. Als Dienstsitz diente nun das Mosbacher Schloss. Er war nun dafür verantwortlich, die Beamten zu überwachen und deren Arbeit zu kontrollieren. Auch die Weiterleitung der immensen Steuergelder musste durch ihn gewährleistet werden. Als Centgraf hatte er außerdem den Vorsitz am Centgericht inne. Es ist überliefert, dass er 1632 englische Gesandte in seinem prachtvollen Haus am Mosbacher Markt beherbergte. Für deren Bewirtung musste die Stadt teilweise aufkommen.

Inwiefern sich seine finanzielle Situation geändert hatte, ist nicht bekannt. Vor dem Dreißigjährigen Krieg war er der wohlhabendste Mann im Oberamt. Dies wird sich nicht allzusehr verändert haben, da er es sich leisten konnte, 1632 seine beiden jüngsten Söhne zum Studium nach Tübingen zu schicken. Diese Entwicklung fand 1634 ein jähes Ende. Die Schwedischen Truppen wichen aus der Region zurück und kaiserliche und bayerische Verbände rückten weiter vor. Mosbach war eine der ersten Städte, die unter den neuen Entwicklungen leiden mussten. Schragmüller zog es wahrscheinlich vor, zu fliehen, um nicht den Vertretern des katholischen Glaubens, die er stets durch seine antibayerische und antikatholische Politik provoziert hatte, in die Hände zu fallen. Die letzten zwei Jahre seines Lebens lebte er im vom Krieg gezeichneten Frankenthal. Am 04.10.1636 starb er im Alter von 64 Jahren.

Nach seinem Tod gab es viel Streit um das Erbe Johann Schragmüllers. Mein Ahnenvater Georg Schuler, Schragmüllers Schwiegersohn, trat im Frühjahr 1642 in Erscheinung, als er etliche 100 Gulden einforderte, die er seinen Schwiegereltern in Form von Geld, Salz, Schmalz und Wein vorgestreckt hatte. Auch forderte er den Gegenwert einer Kuh, die er seiner Schwiegermutter lieh, zurück, nachdem sie diese verkauft hatte. Der Streit zwischen den Kindern des Hauses eskalierte schließlich. Georg Schuler und sein Schwager Heckel legten ihren Schwägern Georg Ludwig und Johann Jacob Schragmüller nahe, dass sie nicht länger im Hause ihrer Mutter wohnen und auf ihrem Portemonnaie liegen sollten. Klara, Johanns Witwe, beauftragte einen Anwalt, da "sie in solchen ängsten vnd Schrecken, so ihr von ihrem Dochtermann [Georg] Schuler zugefügt, vor Weinen vnd Zittern nit Reden" konnte. Georg Schuler geriet besonders heftig mit seinem Schwager Johann Jacob aneinander. Dieser hatte zeitweise Zuflucht in Öhringen bei ihm gefunden. Nun rechnete Schuler ihm das Kostgeld für 65 Wochen und den zwischen den Mahlzeiten gereichten Wein an.

Es muss viel Streit in der Luft gelegen haben. Ein Wort jagte das andere. Beleidigungen wie "kein ehrlicher Mann" flogen durch den Raum. Es wurde der Rat der Stadt eingeschaltet, der meinem Ahnenvater Georg Schuler eine Strafe von einem Gulden und Johann Jacob Schragmüller eine Strafe von zwei Gulden auferlegte. Ja sogar der Auszug der beiden ältesten Schragmüller-Söhne aus dem elterlichen Hause binnen zwei Monate wurde angeordnet. Die Witwe Klara musste nun, wie ihr Mann bereits Jahre zuvor, versuchen, ihr verliehenes Geld einzutreiben, damit sie den Forderungen ihrer Kinder nachkommen konnte. Die Schuldner waren meist schon verstorben, sodass es schwierig war, die Nachkommen für das entliehene Kapital haftbar zu machen. Vom Bürger Hans Valentin Teutsch bekam Klara anstatt einer Geldzahlung eine Hälfte seines Hauses. Dies war Schragmüllers aber zu wenig, sodass sie bei Nacht erbost in das Haus einfielen, "daß er [Teutsch] nit anderst vermeint, alß sie würden ihm die thüren zerbrechen". Für dieses Vergehen wurde der Familie ein Verweis erteilt. Scheinbar gelang es Klara doch noch in der folgenden Zeit, die Kinder untereinander zu versöhnen. Sie traten wieder gegenseitig als Trauzeugen und Taufpaten auf. Am 23.12.1643, drei Tage nachdem ihr jüngstes Enkelkind geboren wurde, starb Klara Schragmüller, geb. Rüd im Alter von 67 Jahren in Mosbach.

Ihr Tod brachte nun die endgültige Erbteilung mit sich. Am 15.03.1644 hatten alle Erbberechtigten vor dem Oberamtsverweser zu erscheinen. Erstaunlich einmütig ging diese Angelegenheit über den Tisch. Es gab nur wenig Diskussionen, die schnell beigelegt werden konnten.

- Bild unten: Merian-Stich von Mosbach, um 1645 -


Zum Elternhaus des 1636 verstorbenen Johann Schragmüllers lässt sich folgendes sagen. Seine Eltern waren Valentin Schragmüller d.Ä., welcher um 1530 geboren wurde und dessen Ehefrau Apollina. Valentin Schragmüller d.Ä. stammte aus Hardheim. Als junger Mensch schlug er die Laufbahn eines katholischen Priesters ein und starb als Stammvater eines bedeutenden kufpfälzischen Beamtengeschlechts. Erwähnt wird er zwischen 1573 und 1599 mehrmals als Pfarrer des kurmainzischen Dorfes Waldmühlbach. Am 28.03.1551 erhielt er laut den Würzburger Weihematrikeln die niederen Weihen. Die Subdiakonatsweihe folgte am 23.05.1551. Noch im gleichen Jahr, am 19.09.1551, wurde er zum Diakon und nahezu ein Jahr später, am 24.09.1552, zum katholischen Priester geweiht. Es ist nicht zu ermitteln, ab wann er sich zur lutherischen Lehre bekannte. Mit seiner Frau hatte er mindestens sechs Kinder. Es ist als bemerkenswert einzustufen, dass Schragmüller als lutherischer Theologe über Jahrzehnte in einem Dorf wirken konnte, welches zur Diözese Würzburg gehörte. Valentin Schragmüller d.Ä. starb nach 1599.


Zur Herkunft des Namens Schragmüller ist nachstehendes bekannt. In Hardheim, dem Ort, der in den Würzburger Weihematrikeln als Herkunftsort des Valentin Schragmüllers angegeben wird, erscheint dieser Familienname nicht. Etymologisch gesehen dürfte der Name "Schragmüller" mit großer Wahrscheinlichkeit von der Schrahmühle bei Watterbach (bayerischer Odenwald) abzuleiten sein. Die Schrahmühle ist seit dem späten 14. Jhd. belegbar. Im 16. Jahrhundert wird sie in den Zinsbüchern als Schragmühle und ihre Besitzer als "Schragmüller" bezeichnet.


Quellen:

- Albrecht Ernst: "Das kurpfälzische Beamtengeschlecht Schragmüller als Erbauer des Palmschesn Hauses in Mosbach", Mosbach 1986, erschienen als Sonderheft des Geschichts- und Museumsvereins Mosbach e.V.
- Albrecht Ernst: "Entsprossen von einer wohlberümbten Familie - Zur Herkunft des Haller Stättmeisters Johann Nikolaus Schragmüller (1643 - 1711)", 2002, erschienen im Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken
- Walther Ludwig: "Vorfahren von Paul Ludwig", 1994, erschienen im Deutschen Familienarchiv Bd. 116

 

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