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Als 1920 in Magdeburg der Religionsunterricht in den Schulen abgeschafft werden sollte...


In diesem unscheinbaren Umschlag mit der Aufschrift "Bericht" fand ich folgende Geschichte aus dem Jahre 1920, welche scheinbar Mitte der 60er Jahre von meiner UrUrgroßmutter Julie Sauermilch, geb. Jäger (1881 - 1966), niedergeschrieben wurde.

Darin erzählt sie, wie 1920 der Religionsunterricht in den Schulen abgeschafft werden sollte und sie mit ihrem Ehemann Otto entschieden gegen diese Reformbewegung agierten.

Daher nun der Bericht im Wortlaut:

"Im Jahr 1920 nahmen die Kirchenaustritte erschreckend zu. Es sollte auch der Religionsunterricht in den Schulen abgeschafft werden. Mein Mann wurde von den Pfarrern gebeten, eine Versammlung einzuleiten.
Der Saal war bei der erfolgten Versammlung bis auf den letzten Platz besetzt. Der Oberpfarrer war nur als Betrachter anwesend. Es sollten nur Laien sprechen. Als mein Mann auf dem Podium anfing, den Religions-unterricht zu verteidigen, standen die Kommunisten, die sich in einem Teil des Saals befanden auf, und wollten mit ihren Stühlen auf meinen Mann losgehen. Es entstand ein großer Tumult. Die Versammlung musste geschlossen werden.

Daraufhin wurde eine Frauenversammlung einberufen, es sollten sich Frauen freiwillig melden, die bereit waren, in den Häusern Unterschriften zu sammeln für Beibehaltung des Religionsunterrichts in den Schulen. Trotzdem ich einen Haushalt von fünf Personen zu betreuen hatte, mein jüngster Sohn war Säugling, den ich durch die Brust ernährte, war ich bereit, Unterschriften zu sammeln. Wir Frauen bekamen unsere Bezirke zugeteilt. In manchen Familien bekam man die Unterschrift gerne, in manchen Familien wurde man grob behandelt und musste froh sein wenn man nicht die Treppe herunter geworfen wurde. Es wurde gesagt: Wir haben unsere Not, dass wir das, was unseren Kindern in der Schule eingepaukt wurde, wieder heraustreiben.

Es wurde dann beschlossen, eine Wahl abzuhalten. Mein Mann der Vorsitzender des Elternbeirats war, sollte die Wahl leiten. Es wurden Plakate verteilt mit den Worten: Wählt Liste Sauermilch.

Die Wahl hatte einen guten Erfolg. Der Religionsunterricht in den Schulen wurde nicht abgeschafft."

- Meine UrUrgroßeltern Otto und Julie Sauermilch - zeitgenössische Fotografie aus dem Jahr 1921 -

[Quelle: privat vorhandenes Schriftstück]

 

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