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Ein Hexenprozess im Jahr 1574 ...
Was hatte mein Vorfahr Johann Rösler damit zu tun?


1574 kam Katharina Stetter (im folgenden Katharina Schloßstein genannt), die Tochter eines armen Siedknechts, negativ ins Gerede und fand sich anschließend in einem Hexenprozess wieder. Der Schauplatz war die wohlhabende Reichsstadt Hall (heute Schwäbisch Hall) und mein Vorfahr war Vorsitzender der Kommission, die über das Schicksal der Angeklagten zu entscheiden hatte.

Katharina heiratete 1554 den aus Hausen stammenden Bader und Schröpfer Hans Stetter - auch Schloßstein genannt. Sie hatten zwei Söhne. Der eine starb jung. Er war ein „frommes, braves Büblein“. Und Lienhard, das zweite Kind, zog später aus Hall weg.

Katharina kam wegen „vielfältige Klag auf den Gassen und im Haus“ ins Gerede. Vor allem wegen Haderns, Zankens, Übelnachredens und Lästerns. Zeitweilig wurde sie sogar von ihrem Ehemann verlassen, da er meinte, sie solle die Leute mit ihrem bösen Maul zufrieden lassen. Es wurde geredet, sie sei auf einem Bock ausgeritten, der Teufel habe in einem schwarzen Mantel bei ihr gelegen, sie sei schuld am Tod einer Kuh, schuld an der Erkrankung eines Gauls und an den Schmerzen und dem Seitenstechen bei einer Schwangeren. Dem Bader Veit Berkheimer habe sie seinen Lohn in Kümmel ausgezahlt. Als davon eine Handvoll auf den Boden fiel, sagte eine Magd aus Aberglauben, dass daraus Unholde erwachsen werden. Katharina lachte nur. Auch versprach Katharina Schloßstein der Magd Veronika Geheimmittel, damit auch diese einen Mann bekomme und nie im Leben Hunger und Durst leiden müsse. Als sie den sauren Kocherwein nicht trinken wollte, behauptete sie ohne Reue, guten, alten Wein zu haben, den sie einem Ratsherrn aus dem Keller gestohlen habe. Dazu kamen die Behauptungen einer Frau, die meinte, Katharina sei räudig und krätzig.

Am 31.03.1574 wurden Hans und Katharina Schloßstein verhaftet. Er wurde nach 24 Nächten wieder freigelassen, jedoch Katharina musste 93 Nächte auf dem Neuen Turm und im Sulfergewölbe verbringen. Vom Nachrichter, Meister Jörg Marschalk, wurde sie am 30.04. an die Waag gestellt und an den Handgelenken hängend „aufgezogen“. Ihr wurde klargemacht, sie könne durch ein Geständnis ihre Lage verbessern, gab sie ihre Buhlschaft mit dem Teufel zu. Sie widerrief dieses Geständnis jedoch, als sie von den Ratsherren verhört wurde. Sie gab zu, „ein bös Maul“ zu haben und „mög wohl auch etwan Narrenreden getan haben“, aber sie sei keine Unholdin.

Bis jetzt ein ganz normaler Ablauf eines Hexenprozesses - einer von vielen. Jedoch familienhistorisch für mich gesehen ein ganz besonderer. Mein Urahnenvater (14x – Urgroßvater) Johann Rösler, geboren um 1531 in Rötha, gest. am 22.08.1607 in Schwäbisch Hall, war Prediger und Dekan von Schwäbisch Hall und Vorsitzender der Geistlichen, die am 09. Mai 1574 ein Gutachten erstellten. Ihm wird nachgesagt, dass er ein strenger Eiferer war. In dem Gutachten wird festgestellt, dass es doch seltsam sei, dass Katharina Schloßstein vor dem Henker Dinge gestanden habe, die gar nicht in der Anklage enthalten waren, also müsse es wahr sein. Dass dieses Geständnis vor dem Henker erzwungen wurde und Katharina vor Schmerzen alles gestand, was man ihr vorwarf, kam niemandem in den Sinn. Interessant ist aber, dass in dem Urteil vom 09. Mai 1574 nicht der Feuertod für die „Hexe“ verkündet wurde, sondern die Schloßsteinin lediglich dazu verurteilt wurde, „wegen ihres erschrecklichen Fluchens, Schwörens, Lästerns, Verachtung des heiligen Worts und weil sie ihre Mitmenschen an Leib, Leben und Vieh zu beschädigen unterstanden, auch langgeübt teuflich und unchristlich Wesen bezeigt habe“. Daraufhin wurde sie an den Pranger gestellt und im Spitalgewölbe eingemauert. Sie schaffte es jedoch, als die Mauersteine noch nicht festsaßen, auszubrechen und wurde nun wegen Missachtung eines Urteils der Obrigkeit zum Tode verurteilt und am 21. Juni „mit dem Wasser gerichtet, bis sie vom Leben zum Tod kam“. Vergraben wurde sie unter dem Galgen und ihr Ehemann heiratete noch im selben Jahr wieder.

Es war der erste und letzte Hexenprozess, der je in Schwäbisch Hall stattfand.

[Quelle: Gerd Wunder:  „Die Bürger von Hall – Sozialgeschichte einer Reichsstadt 1216 – 1802“ Sigmaringen 1980; Seite 104f]

Anmerkung: Wunder gibt 1572 als Jahr des Hexenprozesses an. Das Stadtarchiv von Schwäbisch Hall nennt jedoch 1574.

 

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