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Das Schicksal der Familie Graetz während der NS-Zeit


Am 01.07.1914 heiratete der aus Hildesheim stammende jüdische Kaufmann Henry Graetz in London (St. Pancras) die fünf Jahre jüngere aus Magdeburg gebürtige Martha Weißmeyer, die aus protestantischem Hause kam. Martha war die Cousine meines UrUrgroßvaters Bruno Weißmeyer. 1914 kam ihre erste Tochter Hanna in Wiesbaden zur Welt. 1919 folgte Ruth. In Peine besaß die Familie eine Korsetthandlung, die Martha führte.


Bildquelle: Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie,
Gewerbe, Handel und Landwirtschaft, 1929, 2. Band
, S. 3015

1937 zog die älteste Tochter Hanna nach Berlin, wo sie sich in der Anonymität der Großstadt auf eine Emigration nach Bolivien vorbereiten wollte. In der Maurer-Akademie lernte sie das Schneiderhandwerk. Als sie immer trauriger klingende Briefe von ihrer Familie aus Peine erhielt, fand sie ihre Eltern und ihre Schwester dort in einem Keller wieder. Ein damaliger Freund der Familie - Kurt Hesse - hatte die schöne Wohnung für sich beansprucht. Hanna machte sich in Berlin auf die Suche nach einer Unterkunft für ihre Eltern, da die Situation in Peine nicht mehr auszuhalten war. Verwandte aus Uelzen unterstützen die Familie Graetz in ihrer Not. Am 13.09.1937 zogen sie nach Berlin-Schöneberg in die Geisbergstraße 33.

Hanna betrat am 30.04.1939 die Räumlichkeiten der Gestapo, wo man ihr ihren Pass abnehmen wollte, jedoch riet ihr ein Beamter: "Hauen Sie ab und lassen Sie sich nicht fassen!". Hanna und ihr Ehemann verabredeten sich am 03.06. in Hamburg. Ihr Ziel war Bolivien. Diese Reise setze eine tagelange Irrfahrt durch Deutschland voraus, bei der Hanna tagsüber durch die Straßen lief und in der Nacht im Zug saß. Es war ihr fester Vorsatz, Ruth und ihre Eltern sofort nachzuholen. Ruth jedoch wollte nicht nach Bolivien, sondern nach Palästina. Sie glaubte, dass ihnen „überall auf der Welt das gleiche passieren könne … und deshalb … ‚nach Hause‘ " wolle.

Kurz nachdem Hanna in Bolivien angekommen war, schwand die Chance, ihre nächsten Angehörigen nachzuholen, da der Krieg ausgebrochen war und Bolivien die Einreisebewilligungen sperrte. Auch lag sie nach ihrer Emigration 5 Monate mit Typhus im Bett, so dass jeglicher Kontakt nach Berlin mit Beginn des Krieges abbrach. Bis Kriegsende bestand kein Kontakt mehr zwischen den in Berlin Zurückgebliebenen und Hanna in Bolivien.

Henry und Martha Graetz mussten bei Siemens Zwangsarbeit leisten. Henry verlor bei dieser Tätigkeit fast sein Gehör. „Zwei Mal wurde er abgeholt und stand vor Eichmann, der mit seiner Reitpeitsche dirigierte. Zeigte er nach rechts, so hieß es K.Z., nach links Zwangsarbeit“. Er hatte „Glück“, er durfte weiter arbeiten. Die Wohnung in der Geisbergstraße wurde durch drei Bombentreffer zerstört.

Ruth Graetz lebte bis 1941 bei ihren Eltern. Sie verlobte sich mit einem Juden und wurde am 14.11.1941 mit dessen Familie nach Minsk in das dortige Ghetto deportiert. Nach vier Tagen Fahrt kamen sie dort an. Laut Aussagen von zwei Überlebenden, die Ruths Schwester nach Kriegsende über eine jüdische Weltzeitung fand, wurde Ruth in Minsk stets „die Sonne von Minsk“ genannt. Sie war immer hilfsbereit und tröstete Leidensgenossen. Sie ahnte sicherlich, dass es kein Entkommen gab. Als sich bei der Auflösung des Lagers die Möglichkeit zur Flucht ergab, wollte sie nicht ohne ihren Verlobten gehen, so dass kein Fluchtversuch unternommen wurde.

Das weitere Schicksal von Ruth Graetz wirft ab diesem Zeitpunkt Fragen auf. Es ist nicht bekannt, wo sie umkam. Ihre Schwester Hanna wusste in den 1970ern von einer weiteren Deportation nach Auschwitz zu berichten. Ob Ruth diesen Leidensweg ging, ist nicht erwiesen.


Die Kinder Hanna (l.) und Ruth (r.) zu Ruths Einschulung 1926 in Peine.

Es stellt sich die Frage, weshalb Ruth Graetz deportiert wurde. Sie war schließlich gemäß den Nürnberger Rassegesetzen „Halbjüdin“.

Diese Frage bewegte auch Ruths Schwester Hanna. Sie erfuhr, dass 1941 die Schergen der Gestapo bei Familie Graetz in Berlin vor der Haustür standen und Hanna zu sprechen verlangten. Schließlich war sie als „Halbjüdin“ mit einem Juden verheiratet, so dass sie nicht den „besonderen“ Status eines „Halbjuden“ einnehmen konnte. Als Ruth Graetz den Männern die Abmeldung ihrer Schwester, die bereits zwei Jahre alt war, zeigte, musste sie an Hannas Stelle den Weg ins Verderben gehen.

Als Ruths Schwester Hanna dies erfuhr, hörte sie nach eigenen Worten auf zu leben und begann ein fremdes Leben. Sie spielte mit dem Gedanken, dass es vielleicht Bestimmung gewesen sei, dass sie am Leben geblieben war. Sie hatte das Gefühl, dass das Leben ihr eine Pflicht auferlegt hatte. Sie begann ein "fremdes Leben" zu leben. In La Paz übernahm sie die Leitung eines internationalen Kindergartens. 1960 zog sie nach Cochabamba und gründete daselbst einen neuen Kindergarten, der ihr "die größte Möglichkeit gab das zum Ausdruck zu bringen, wonach ... [sie sich] so lange Jahre gesehnt hatte". Später beschreibt Hanna die Zeit wie folgt: "Es gab Zeiten in denen ich bis zu 12 Nationalitaeten im K.G. vertreten hatte! 3 Religionen und 3 Farben gab es staendig, und unbeschreiblich war die Harmonie, die Liebe der Kinder zueinander, der Eltern untereinander. Ich erreichte was ich so heiss ersehnt hatte: man hat uns Juden kennengelernt! Man hat begriffen, dass wir nicht anders sein wollen und sind als alle anderen Voelker! Dass wir unsere Staerke und unsere Schwaeche haben genau wie alle anderen, und dass wir nur ein Ziel vor Augen haben: unser tausendjaehriger Gruss moege Wirklichkeit werden: SHALOM, Frieden!" Golda Meir, Premierministerin Israels von 1969 bis 1974, drückte Hanna in einem Schreiben ihren Dank für ihr Lebenswerk aus und beendete den Brief mit den Worten "Möge Ihr Werk dazu dienen zu beweisen dass wir mit allen Völkern in Frieden leben wollen!".

Martha und Henry Graetz lebten ab 1948 in Bolivien. 1964 kamen sie kurz zurück nach Wiesbaden, da Martha an Krebs erkrankt war. Nachdem ihnen mitgeteilt worden war, dass es keinerlei Heilungschancen geben würde, flogen sie zurück nach Bolivien und Martha verließ die Lufthansamaschine auf einer Bahre. Am 20.04.1970 starb Martha Graetz, geb. Weißmeyer in Cochabamba. Ihr Mann folgte ihr am 28.07.1979.

Hanna lebte noch bis zu ihrem Tod am 30.03.1986 mit Schuldgefühlen, dass ihre geliebte Schwester an ihrer Stelle den Weg in den Tod gehen musste und sie dies nicht verhindern konnte.


Ein Stolperstein für Ruth Graetz!


Um an das Schicksal von Ruth Graetz zu erinnern und dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr vergessen wird, haben der Cousin meiner Mutter, Jürgen Weißmeyer und ich einen Stolperstein gestiftet. Dieser wurde am 14.11.2011 in der Geisbergstraße verlegt.

Bild oben:
Interessierte Bürger und Verwandte wohnen der Verlegung am 14.11.2011 bei.

Bilder oben:
Stolperstein für Ruth Graetz in der Geisbergstraße 33, Berlin

Bild oben:
Der Ort, an dem früher das Haus Geisbergstraße 33 in Berlin stand. Vor dem Schaukasten rechts der Treppe ist der Stolperstein verlegt.


Ich danke für die freundliche Unterstützung:

- dem Stadtarchiv Peine
- der Stolpersteininitiative Berlin-Schöneberg
- der Asociación Israelita Cochabamba
- Herrn Bernd-Detlev Mau, Peine
- meiner Verwandtschaft in Uelzen
- Jürgen Weißmeyer in Bielefeld

 

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