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August Jautzke und seine Zeit der Internierung
in Algerien


Protokoll über die Ereignisse während der Internierung 1914/15

August Jautzke wurde am 26.08.1858 als Sohn des Häuslers Franz Jautzke und der Maria Anna, geb. Melzer in Sterndorf in Böhmen geboren.

Er war Burggendarm in Wien und ab 1902 Amtsdiener beim k.u.k. Generalkonsulat in Algier, wohnte im Konsulatsgebäude und wollte, als der Krieg mit Frankreich ausbrach, das Land in Richtung Österreich-Ungarn verlassen. Der Platzkommandant von Algier, Major Delonnay, verbot ihm jedoch die Ausreise, da er noch keine 60 Jahre alt war.

Bereits vor Kriegsausbruch wurden nahezu alle Männer unter 60 Jahre in das Fort L’Empereur gebracht und interniert. August Jautzke durfte bis Ende Dezember in der Wohnung eines ausgewiesenen Wieners wohnen, bis dann am 29. Dezember 1914 auch er in das Fort gebracht wurde. In diesem befanden sich damals 185 Deutsche, Österreicher und Ungarn.  Man brachte ihn in einen Raum, der bereits mit 46 Personen belegt war. Der Fußboden bestand aus einer harten gestampften Masse, und da es keine Zimmerdecke gab, konnte man in das Gebälk des Daches sehen. Die Internierten schliefen auf dicht aneinander gedrängten Matratzen und waren von 8 Uhr abends bis 8 Uhr morgens in diesem besagten Raum eingesperrt. Grüßte man beim Ausgang auf dem Hof den wachhabenden Unteroffizier nicht, kam man für mehrere Tage in eine finstere Zelle bei Wasser und Brot. Die Wachorgane drohten jeden Augenblick, die Internierten zu erschießen, indem sie „Sur le mur!“ (frz. an die Mauer!) schrien und dabei auf eine Mauer zeigten, die mit drei schwarzen Kreuzen bemalt war. Das Brot, das die Gefangenen bekamen, war stets mindestens drei Wochen alt, was man am eingepressten Datum feststellen konnte.

Am 03.02.1915 wurden die älteren Männer, darunter auch August Jautzke, sowie alle Verheirateten nach Cap Matifou gebracht. Dort wurden sie zuerst besser behandelt, jedoch als dann Ende Februar 1915 drei Mann aus dem Fort fliehen wollten, begann ein sehr strenges Regime. Die Verpflegung dort war sehr schlecht. August Jautzke zählte an einem Tag, dass für 55 Personen zum Mittag und zum Abendessen insgesamt 85 Kartoffeln gereicht wurden. Das Fleisch beschrieb er als ungenießbar.

Anfang Mai 1915 wurden die Internierten aus Matifou und Fort L’Empereur nach Berrouaghia ins dortige Zivilgefängnis gebracht. Berrouaghia liegt 165 Kilometer von Algier entfernt. Die  Transporte erfolgten partieweise in Viehwagen und die letzten drei Kilometer vom Bahnhof bis zum Gefängisgebäude mussten die Gefangenen zu Fuß bei einer Hitze von 42 Grad Celsius im Schatten zurücklegen. Das eigene Gepäck hatte jeder selbst zu tragen. Der Bevölkerng von Berrouaghia wurde gesagt, dass deutsche Kriegsgefangene eintreffen würden, was nicht stimmte, da es Internierte waren. Sie kam in Massen an die Wegstrecke, beschimpfte und bespuckte die Frauen und Männer. Einige Transporte wurden sogar mit Steinen beworfen. Das Gefängnis war barackenartig aufgebaut, man räumte extra zwei Gebäude für die Internierten, die sogar von einer höheren Mauer umgeben waren als alle anderen Baracken. Auch hier hatten die Häuser keine Zimmerdecke, man konnte in den Dachstuhl sehen. Das Dach bestand aus Ziegeln, war aber sehr schadhaft. Als es ein Mal regnete, spannten die Frauen, auf den Matratzen sitzend, die Regenschirme auf. In jedem Gebäude lagen sie zu je 105 Personen zusammengepfercht.  Sie schliefen dicht aneinander gedrängt. August Jautzke beschrieb den Aufenthalt in diesem Internierungsort später als unerträglich, da er am Rande der Wüste lag und somit nachts die Temperatur bis 2 Uhr nicht unter 40 Grad Celsius sank. Da die Gebäude nur kleine vergitterte Fenster hatten, war es heiß und dunstig. Die Höfe, die die Internierten zum Bewegen benutzen durften, hatten keinerlei Schatten, während die Höfe der Sträflinge mit Maulbeerbäumen bepflanzt waren. Gestört wurde die Nachtruhe von Wüstenmäusen, die in Scharen auf die Gesichter sprangen. Die größte Plage aber waren die Millionen von Wanzen, die sich im durchglühten Gebälk des Daches aufhielten und nachts, in Klumpen geballt, auf die Männer und Frauen herabfallen ließen. Die Wachorgane lächelten nur höhnisch, wenn die Gefangenen darum baten, die Wanzen selbst beseitigen zu dürfen. Einigen lief das Blut in Strömen über die Beine und alle waren am ganzen Körper zerbissen. Am Tag kamen Tausende Fliegen dazu, die das Leiden noch unerträglicher machten. Morgens um 6 Uhr traten die Gefängniswärter mit Revolvern ein und zählten die Internierten ab. Für 105 Personen war stets je ein Wasserhahn zum Waschen und Trinken vorhanden. Nur drei Mal am Tag durfte man Wasser holen, sodass sie meistens das bei 48 Grad Celsius im Schatten abgestandene Wasser trinken mussten. Arbeiten, singen, pfeifen, musizieren, lautes Sprechen oder Lachen war allen verboten. Wer sich dagegen verging, kam in eine unterirdische Zelle, die mit einer Matratze und einem Kübel ausgestattet war. Sie maß drei Meter Länge, zwei Meter Breite und anderthalb Meter Höhe. Am Tage wurde aus dieser auch noch die Matratze herausgenommen. Mancher musste bis zu 30 Tage darin verbringen. Später führte man die Gefangenen ab und zu nach einem etwa 20 Minuten vom Gefängnis entfernten Bassin, damit sie baden konnten. Das darin befindliche Wasser stank heftig und war von vielen Schildkröten bewohnt. Viele, die darin badeten, lagen hernach tagelang krank mit 40 Grad Fieber. Ärztliche Hilfe wurde nicht geleistet. Der Mediziner argumentierte, dass man daran schon nicht sterben würde. Ein einziges Mal, im Juni 1915, kam der Präfekt in das Gefängnis und herrschte einen Gefangenen, der sich beschwerte, mit den Worten „sale race!“ (frz. schmutzige Rasse!) an.
Kopien des Protokolls
August Jautzke wurde schließlich auf Grund des Austauschübereinkommens aus der Internierung entlassen und verließ das Gefängnis am 19.08.1915 und Algier zwei Tage später mit einem französischen Dampfer, der ihn nach Marseille brachte, wo sich im Laufe von zehn Tagen Entlassene aus anderen Lagern zusammenfanden. Ende August kam er an der Schweizer Grenze an.

Infolge der schlimmen Erlebnisse, die August Jautzke zwischen Dezember 1914 und August 1915 erlebte, stellten sich bei ihm Herzprobleme ein. Auch nervlich hatte er mit diesen Ereignissen zu kämpfen. Seiner Meinung nach trug besonders dieser Umstand dazubei, dass man sich während der ganzen Zeit der Internierung in Berrouaghia niemals seines Lebens sicher fühlen konnte. Des öfteren kam es vor, dass Mitgefangene plötzlich zum Oberwärter gerufen wurden und niemals wiederkamen. Keiner der Internierten wusste, was mit den Verschwundenen passiert war. Jeder hatte damit zu rechnen, dass auch ihm selbst dies passieren könnte.

August Jautzke beschrieb diese Umstände am 24.11.1915 im Außenministerium in Wien, welche dann in einem Protokoll aufgenommen wurden.

Er starb am 01.06.1923 64-jährig in der böhmischen Heimat in Litnitz unweit seines Geburtsortes plötzlich um 18 Uhr an einem Herzklappenfehler.


[Quellen: - Sammlung von Nachweisen für die Verletzungen des Völkerrechtes durch die mit Österreich-Ungarn Kriegführenden
Staaten: Abgeschlossen mit 31. Jänner 1915, Wien 1915, 7. Protokoll, Seiten 28 bis 32; - Kirchenbuch Drum / cz. Stvolínky - Sterbefälle 1879 bis 1949 Seite 331
]

 

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